Plano Piloto


plano piloto
Plano Piloto, 2009

X-Wohnungen (X-Moradias), São Paulo
Hebbel am Ufer, Intervention an der Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Raum

In Architekturzeitschriften sieht die Wirklichkeit anders aus. Größer, weiter, aufgeräumter, leerer oder nur bevölkert von den richtigen Statisten. In Architekturzeitschriften werden Geschichten erzählt, die in Wirklichkeit ein bisschen anders sind. In der Spannung dazwischen, in der Grauzone zwischen Darstellung und Wahrnehmung, dem unkontrollierbaren Ungefähr zwischen Sender und Empfänger zwischen Glaubenmachen und Glaubenwollen entwickeln sich interessante Phänomene.

Die Hauptstadt Brasiliens, Brasília, besispielsweise, wurde vom Städteplaner Lucio Costa wie der Schatten eines Flugzeugs über dem Urwald angelegt, heißt es. Die Regierungsgebäude im Cockpit, Industrie in den Flügeln, Wohngebiete im Rumpf (oder umgekehrt?) – wie auch immer – leuchtet ein. Darauf befragt widerspricht Costa: Nein! Präsident Juscelino Kubitschek habe den Ort der künftigen Hauptstadt auf der Landkarte mit einem Kreuz markiert. Er, Costa, habe lediglich die beiden Striche in seinem Plano Piloto, dem Masterplan, als Hauptverkehrsachsen adaptiert und den Gegebenheiten des Geländes angepasst. Voilá. Trotzdem: verblüffend, diese Ähnlichkeit. Und: gutes Bild!

Als das Hebbel Theater uns zu einer weiteren Auflage des Erfolgkonzepts X-Wohnungen einlud, dieses Mal in der 20 Millionen Einwohner Megalopolis São Paulo, leuchteten vor dem Hintergrund der Berliner Retro-Debatte um Stadtschloss und Einheitsdenkmal die Kurven der tropischen Moderne doppelt verlockend. Wir folgten dem ersten Impuls, eine Wohnung im Edifício Copan zu bespielen, konzipiert vom Costa-Schüler Oscar Niemeyer.

Während Brasília, als ideale Stadt entworfen und mit den Hoffnungen auf ein gutes Leben verbunden, an der Unflexibilität seines Plans scheiterte, führt São Paulos Planlosigkeit ins Chaos. Vom städtebaulichen Wildwuchs eingekeilt, zählt die Sinuskurve des Copan (1951-1966) immer noch zu den markantesten Architekturikonen der Stadt. Der Bau mit 1.160 Wohnungen und über 5.000 Bewohnern, 72 Läden, Bars, Cafés und Restaurants, Beauty Salons, Bekleidungsgeschäften und einem zur Kirche umfunktionierten Kino, ist die größte Stahlbeton-Konstruktion Brasiliens, das größte Wohnhaus Südamerikas und hat seine eigene Postleitzahl.

Dem Produktionsbüro interior gelang es, eine leerstehende Wohnung für uns zu mieten. Nicht etwa eine der bescheidenen Kitchenettes hinter den Betonvorhängen der brise-soleil, sondern ein Penthaus auf dem Dach, das ursprünglich dem Hausmeister zugedacht ist. (Ein weiteres Penthaus wird von dem Hauselektriker und seiner Familie bewohnt und ein drittes von Angestellten der Verkehrswacht genutzt, die bis in die Nacht hinein mit Richtantennen und Ferngläsern den Verkehr beobachten, dessen Smog und Lärm zum 33. Stockwerk hochbrandet.)
Hierher gelangten Besucher, die den Parcours durch das übel beleumundete Zentrum paarweise absolvierten, nachdem sie am Fuß der Aufzüge die übliche Sicherheitsprozedur durchlaufen und sich in ein großes Gästebuch eingetragen hatten. Geführt von Rick, unserem Assistenten, ging es mit dem Lift, durch Gänge und über Treppen, an der knisternden funkensprühenden Telefonanlage des Hauses vorbei aufs Dach. Aus der Vogelperspektive verliert sich das Häusermeer nach allen Seiten hin im Dunst des Horizonts. Die Besucher genossen das Privileg des Ausblicks, der nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist, ehe Rick sie in das von Scheinwerfern erleuchtete Penthaus bat.

In einer bühnenartigen Situation trafen sie auf den Konstrukteur, der zwischen Plänen, Karten und Zeichnungen Costas von Brasília am Modell eines Segelflugzeugs arbeitete. Zwischen Werkzeugen und Leim nahmen auf dem Arbeitstisch die fragilen Flügel aus Sperrholz mit einer Spannweite von 180 cm Gestalt an, sowie Rumpf und das Cockpit, das aus einem massiven Holzklotz herausgefeilt wurde. Über die 5 Tage der Veranstaltung übersetzte sich der plano piloto Brasílias sukzessive in dreidimensionale, luftschiffahrttaugliche Gestalt. Versunken in seine Tätigkeit nahm der Konstrukteur keine Notiz von den Besuchern, die kaum auf orangenen Schalenstühlen Platz genommen hatten, als Rick sie in die Rollen einwies, die wir ihnen in einer kleinen Inszenierung zugedacht hatten.
Aus den Augenwinkeln nahmen sie vielleicht noch die tropische Pflanze, die Zebrafinken im Käfig und das Radio im Hintergrund wahr, ehe sie als Person A und B an den Abeitstisch herantraten. Rick versorgte die beiden mit Textkarten, die sie seinen Anweisungen folgend sprachen:

A: „Wir sind keine Maulwürfe, wir sind Fledermäuse. Wir werfen einen Ton in den Raum und lauschen auf das Echo der Dinge, die ihn zurückwerfen.“

B: „Wir können nicht nicht kommunizieren. Sobald zwei Personen oder mehr in einem Raum sich gegenseitig wahrnehmen, kommunizieren sie miteinander. Alles Verhalten ist Kommunikation.“

A: „Freilich, aber das besagt lediglich, DASS wir kommunizieren, aber nichts über den Erfolg von Kommunikation. Kommunikation ist ein Problem.“

Ein Dialog über Chancen und das Scheitern von Kommunikation, über Verstehen und Missverstehen entspann sich, für den wir Stimmen von Benjamin, Watzlawick, Luhmann und Habermas liehen. In dessen Verlauf liess der Konstrukteur sich nicht aus der Ruhe bringen. Selbst angegangen: „Hören Sie überhaupt zu?“ nickte er nur knapp, ohne von der Bastelei aufzublicken. Erst als B sich an ihn wandte:

„Was ist das Allerwichtigste, das Sie in diesem einzigartigen Moment sagen könnten?“

blickte er das erste Mal zu den Besuchern auf, nahm seine Brille ab, lehnte sich im Stuhl zurück und antwortete streng:

„Ich muss arbeiten. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich will das Ding fliegen sehen.“

Diese Adaption eines Niemeyer-Zitats, der ankündigte, er werde arbeiten bis zum Umfallen, ist das Stichwort, auf das Rick die beiden Besucher rasch hinaus komplimentiert: Der Plan, das Flugzeug am letzten Tag von X-Wohnungen vom Dach des Copan ins Gewühl der Stadt entgleiten zu lassen, soll nicht gefährdet werden.