Gefängnisinsel Moabit

Gefängnisinsel Moabit, 2009
Stadtteilplanung
Kurt Kurt, Projekte für den öffentlichen Raum, Berlin
Sitzt einer in Moabit, ist klar: der ist im Knast. Kein anderes Bauwerk, keine Institution, dominiert den Stadtteil stärker und funktioniert selbstverständlicher als pars pro toto, als das größte Kriminalgericht Europas und die Justizvollzugsanstalt, Untersuchungshaftanstalt für männliche Erwachsene im Land Berlin. Insassen klagen über chronische Überbelegung, Schmutz, Vernachlässigung, Mischung von U-Häftlingen und Strafern und 23 Stunden Einschluss.
Ungewöhnlich ist die zentrale Innenstadtlage des Gefängnisses. Fährt man nach einem Ausstellungsbesuch im Hamburger Bahnhof zum Feinkosthändler Lindenberg in die Morsestraße, tangiert man Mauern, Wachtürme und Stacheldraht ebenso, wie auf dem Weg vom Schloss Bellevue zum Berliner Hauptbahnhof. Der Sitz des Bundespräsidenten liegt vor der Tür, das Kanzleramt fast in Sichtweite und der schlangenförmige Wohnbau der Regierungsbeamten bereits diesseits der Bezirksgrenze.
Das einst dicht besiedelte Arbeiterviertel hat heute eine Arbeitslosenquote von 13,83%, zählt 33,12% Empfänger von Transfereinkommen, 61% der Schüler sind von Lernmittelzuzahlung befreit. Weicht man von den üblichen Transitrouten durchs Quartier ab, verblüfft die Fülle an leerstehenden Läden und Lokalen. Gleichzeitig entdecken einzelne Künstler und Gentrifizierer vergleichsweise billigen Raum hinter Gründerzeitfassaden. Moabits Brachflächen am Humboldthafen hinter dem Hauptbahnhof gelten als heißes Entwicklungsgebiet. Der Baustart für das Quartier Heidestraße ist für 2010 geplant – wenn sich denn Bauherren finden. Die Verwirklichung der ambitionierten Pläne hängt ganz und gar davon ab, ob sich internationale Investoren von Moabits Potenzial anziehen lassen.
Falls nicht, muss ein Plan B her. „Gefängnisinsel Moabit“ ist so ein Plan. Stimuliert durch die soziale und städtebauliche Situation sowie die allseits begrenzenden Wasserwege, die Moabit als innerstädtische Insel isolieren, stellen wir eine Referenz zu John Carpenters „Escape from New York“ (1981) her:
„2020 steigt die Kriminalitätsrate in der EU um 400 Prozent. Der Berliner Stadtteil Moabit wird zum Hochsicherheitsgefängnis der gesamten Union. Eine 15 m hohe Sicherheitsmauer wird entlang des Spreeufers, am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, Westhafenkanal und am Charlottenburger Verbindungskanal errichtet. Sie umschließt ganz Moabit. Brücken und Wasserwege sind vermint. Truppen von Europol sind wie eine Armee um die Insel postiert. Auf der Gefängnisinsel gibt es keine Wärter, nur Gefangene und die Welten, die sie schufen. Die Regeln sind einfach: Bist du mal drin, kommst du nicht wieder raus.“ (Dellbrügge & de Moll, Heimkino 2, Video, 15 min, 2009)
Das Modell der Gefängnisinsel, dessen geografische Gegebenheiten eine Flucht verhindern, ist effektiv und weit verbreitet – Wikipedia listet 34 Gefängnisinseln weltweit – von St. Helena mit ihrem prominenten Gefangenen Napoleon, bis Robben Island, wo Nelson Mandela den Großteil seiner Haft absaß, von den Inseln der Kolonie Französisch-Guayana, Schauplatz von Henri Charrieres Roman „Papillon“, über das Gefängnis Château d’If auf der Festungsinsel vor Marseille, die Alexandre Dumas als literarische Folie diente, bis zum berüchtigten Alcatraz, dessen Brutalität zahlreiche Filme inspirierte. Das norwegische Bastøy, eine liberale Interpretation der Sache, organisiert die Gefängnisinsel als Labor in Sachen Selbstverantwortung und Respekt.
Wie und wo auch immer – die territoriale Abgeschlossenheit generiert Soziotope mit eigenen Regeln, Hierarchien und Überlebensstrategien. Sah Foucault das Gefängnis als Heterotopie, als „anderen Ort“, der die bestehenden Ordnung invertiert und in Frage stellt, so potenziert der Spezialfall der Gefängnisinsel diese Verhältnisse. Die Vision der wachsenden Stadt bleibt angesichts der Krise in den Finanzierungslücken stecken. Was wächst, ist die Paranoia, die Dystopien wieder auf den Plan ruft.