Das Monumentale ist meine Krankheit.

Das Monumentale ist meine Krankheit*. 2009
Atelierhaus Käuzchensteig, Berlin
Wenn die Kleinbusse des Hundeauslauf-Service spätvormittags vor dem Wendehammer des Käuzchensteigs am Waldrand parken und ihre Schützlinge ohne Leinenzwang kläffend ins Unterholz springen, mag manch Vierbeiner sich fragen, was es mit dem hieratischen Gebäude hinter dem Eisenzaun an der Waldgrenze auf sich hat. Die fensterlose Fassade verrät nichts über seine Funktion. Kein Hinweis gibt Aufschluss über seine geschichtliche Bedeutung. Ranken überwuchern abgeschlagene Friese.
In dem Atelierhaus, das „auf Wunsch des Führers“ 1939-42 für Arno Breker errichtet wurde, arbeiten heute Künstlerinnen und Künstler in von Monumentalität auf Normalmaß heruntergebrochenen Ateliers. Architektonisches Vorbild lieferte Albert Speers Atelier für Josef Thorak in Baldham bei München. Ausführender Architekt war Hans Freese, der auch die Baracken des Zwangsarbeiterlagers 75/76 in Berlin-Niederschöneweide hinterlassen hat. Anlass für den Bau war der Großauftrag Brekers, die Umformung Berlins zur Reichshauptstadt Germania plastisch zu begleiten und die nationalsozialistische Ideologie in ihr skulpturales Programm einzuschreiben.
1937 der NSDAP beigetreten gewann Breker rasch an kulturpolitischem Einfluss. In zahlreichen Posten, so als Juror für die Abteilung Plastik der Ersten Großen Deutschen Kunstausstellung und als Reichskultursenator verwirklichte er die nationalsozialistische Doktrin künstlerischen Wirkens. Von Hitler in die Gottbegnadeten-Liste der unersetzlichen Künstler aufgenommen, blieb ihm der Kriegsdienst erspart. Stattdessen etablierte er mit den Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH ein lukratives Unternehmen, das direkt von Albert Speer beauftragt bis zu 50 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter beschäftigte. Mit der Schenkung von Schloss Jäckelsbruch wurden diese Aktivitäten nach Wriezen verlegt.
Entgegen der Darstellung, Breker sei kaum im Käuzchensteig gewesen, wurde hier nicht nur modelliert, gemeißelt und gegossen. Meisterschüler Manfred Welzel schwärmt von Empfängen, Festessen mit Diplomaten und Künstlerbesuchen. Ein anderer Meisterschüler, Bernhard Heiliger, der seit 1938 „durch Arno Breker die bestimmenden Impulse seiner bildhauerischen Ausbildung empfing“*, bezog 1949 den Ostflügel, wo er bis zu seinem Tod 1995 lebte und arbeitete. Seine Witwe blieb und gründete die Bernhard-Heiliger-Stiftung. Aktuell stellt die Stiftung beim Senat „Antrag auf Rückbau des Mitteltraktes und Herrichtung zu einem Hauptatelier“. Das bedeutet nicht nur die Rekonstruktion des über zwei Stockwerke reichenden Ateliers, in dem Breker seine monumentalen Plastiken wie „Partei“ und „Wehrmacht“ für die Reichskanzlei modellierte. Es bedeutet auch das Ende des bisherigen Atelierprogramms.
Anfang der 70er Jahre hatte der Berliner Senat durch einen Umbau des Hauptateliers architektonische Tatsachen geschaffen: Eine Zwischendecke und Wände wurden eingezogen, Einbauküchen und Bäder eingerichtet. Aus dem Staatsatelier wurden acht funktionale Einzelateliers, die vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD und dem Senat turnusmäßig neu vergeben werden. So kamen auch wir in den Genuss, in den letzten Jahren dort zu arbeiten. Die antimonumentale Entscheidung sahen wir immer als Bekenntnis zur praktischen Künstlerförderung. Den von der Stiftung angestrebten Rückbau zur „Ausstellungs- und Versammlungsstätte“ nehmen wir zum Anlass, in der Langen Nacht der Museen einen kurzen Blick in die Vergangenheit zu werfen.
*) Arno Breker im Interview von André Müller, 1979.
Exponate:
Arno Breker, 60 Bilder, ausgewählt und eingeleitet von Hans Grothe. Fotos Charlotte Rohrbach,
Kanter-Verlag Königsberg 1943.
Bereitschaft, Sonderschrift des Oberkommandos der Wehrmacht Abt. Inland, Bildwerke Arno Breker. Photos Charlotte Rohrbach, Erika Schmaus, Ingeborg Becker, Max Krajewski, Wilhelm Niemann. Gedichte Helmut Dietlof Reiche. Volk und Reich Verlag Berlin ca. 1944.
Die Kunst im Deutschen Reich, 7. Jahrgang Folge 11 Ausgabe B, November 1943. Herausgegeben vom Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP. Mit einem Text von Dr. Werner Rittich: Zu einigen neuen Werken von Arno Breker. Fotos Charlotte Rohrbach. Zentralverlag der NSDAP München 1943.
Die Kunst im Deutschen Reich, 6. Jahrgang Folge 1 Ausgabe A, Januar 1942. Herausgegeben vom Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP. Mit einem Text von Dr. Werner Rittich: Symbole großer Zeit. Zu dem Reliefwerk von Arno Breker. Fotos Charlotte Rohrbach. Zentralverlag der NSDAP München 1942.
Deutsche Plastik unserer Zeit, Kurt Lothar Tank. Herausgegeben vom Ministerialrat Wilfried Bade, Leiter der Abteilung ZP. der Presseabteilung der Reichsregierung. Geleitwort Albert Speer. 118 Seiten mit 135 Raumbildaufnahmen und Raumbildbrille in Deckeltasche, 8 Tafeln, Gebrauchsanweisung für die Benützung des Raumbildbetrachters 6:13 cm. Raumbild-Verlag Otto Schönstein K. G. München 1942.
Große Deutsche Kunstausstellung 1941 im Haus der Deutschen Kunst zu München, Juli bis auf weiteres. Offizieller Ausstellungskatalog, Verlag F. Bruckmann München 1941, 1942 und 1943.
100 Reichsmark. Geldstrafe, die Arno Breker 1948 als verurteilter Mitläufer für seine Entnazifizierung entrichtete.